top of page

Depression: Wenn das Leben zunehmend schwerer wird

Autorenbild: Sarah Strigl
Sarah Strigl
10. Sept.
6 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 4. Okt.

© things I find beautiful/pexels
© things I find beautiful/pexels

Es gibt Phasen im Leben, in denen vieles zu viel wird. Man fühlt sich erschöpft, zieht sich zurück, ist weniger belastbar oder hat einfach keine Freude an den Dingen, die sonst gutgetan haben.

Oft ist zunächst gar nicht eindeutig, was eigentlich passiert. Vielleicht schläft man schlecht und ist tagsüber müde. Vielleicht fällt es schwer, sich zu konzentrieren oder Entscheidungen zu treffen. Verabredungen werden abgesagt, Aufgaben bleiben liegen und selbst kleine Dinge fühlen sich plötzlich anstrengend an.


Mit der Zeit kann sich dabei ein Gedanke einschleichen:


„Was ist nur mit mir los? Früher habe ich das doch auch geschafft.“


Eine Depression ist jedoch nicht einfach eine Phase, in der man sich „zusammenreißen“ müsste. Sie kann Denken, Fühlen, körperliches Erleben und Verhalten beeinflussen und den Blick auf sich selbst und die eigene Zukunft verändern.


Und genau darin liegt eine Schwierigkeit: Eine Depression kann dazu führen, dass genau die Dinge immer weniger stattfinden, die eigentlich helfen könnten.


Was ist eine Depression?


Eine Depression ist eine psychische Erkrankung, die sich auf verschiedene Lebensbereiche auswirken kann. Typisch sind unter anderem eine anhaltend gedrückte Stimmung, ein deutlicher Verlust von Interesse und Freude sowie eine verminderte Energie und erhöhte Ermüdbarkeit.

Hinzu können weitere Beschwerden kommen, beispielsweise:


  • Schlafstörungen oder ein deutlich verändertes Schlafbedürfnis

  • Veränderungen des Appetits oder Gewichts

  • Konzentrations- und Entscheidungsschwierigkeiten

  • innere Unruhe oder Verlangsamung

  • vermindertes Selbstwertgefühl

  • Gefühle von Schuld oder Wertlosigkeit

  • Rückzug von anderen Menschen

  • Hoffnungslosigkeit und eine negative Sicht auf die Zukunft


Nicht jeder Mensch erlebt eine Depression auf die gleiche Weise. Bei manchen steht die Niedergeschlagenheit im Vordergrund, bei anderen eher Erschöpfung, innere Leere, Gereiztheit oder der Verlust von Interesse und Freude.


Auch körperliche Beschwerden können eine wichtige Rolle spielen. Manche Menschen leiden beispielsweise unter Schmerzen, Verdauungsproblemen, Schlafstörungen oder einem ausgeprägten Gefühl körperlicher Erschöpfung.


Eine Depression ist mehr als „schlechte Laune“


Traurigkeit gehört zum menschlichen Leben. Auch nach einer Enttäuschung, einem Verlust oder einer belastenden Lebensphase kann es völlig normal sein, sich über längere Zeit niedergeschlagen zu fühlen.


Eine Depression unterscheidet sich davon unter anderem dadurch, dass die Beschwerden anhaltend sind, mehrere Lebensbereiche betreffen und den Alltag deutlich beeinträchtigen können.


Besonders bedeutsam ist der Verlust von Freude und Interesse.


Dinge, die früher selbstverständlich waren, fühlen sich plötzlich bedeutungslos oder anstrengend an. Treffen mit Freunden werden abgesagt. Sport wird eingestellt. Hobbys verlieren ihren Reiz. Selbst alltägliche Aufgaben können eine große Überwindung darstellen.


Das kann wiederum Schuldgefühle auslösen:


„Ich bekomme ja nicht einmal die einfachsten Dinge hin.“


Damit beginnt häufig ein Kreislauf, der die Depression weiter verstärken kann.



Der Teufelskreis der Depression


Ein hilfreiches Modell aus der Verhaltenstherapie beschreibt Depression als Zusammenspiel verschiedener Faktoren.


Stellen Sie sich vor, Sie fühlen sich seit einiger Zeit erschöpft und niedergeschlagen. Sie haben wenig Energie und sagen deshalb eine Verabredung ab.


Kurzfristig ist das vielleicht eine Erleichterung. Sie müssen sich nicht aufraffen, niemand erwartet etwas von Ihnen und Sie können sich zurückziehen.


Gleichzeitig fehlt Ihnen dadurch aber eine positive Erfahrung: ein Gespräch, Nähe, Ablenkung oder vielleicht sogar ein Moment, in dem Sie gelacht hätten.


Beim nächsten Mal fällt es möglicherweise noch schwerer, sich zu verabreden.


Vielleicht kommt zusätzlich der Gedanke:


„Ich habe sowieso keine Lust mehr auf irgendetwas.“


Sie ziehen sich weiter zurück und erleben dadurch noch weniger positive oder sinnstiftende Aktivitäten.


So kann ein Kreislauf entstehen:


Niedergeschlagenheit und Erschöpfung → Rückzug und weniger Aktivität → weniger positive Erfahrungen → negative Gedanken und Selbstzweifel → noch mehr Rückzug und Erschöpfung


Dieser Kreislauf geschieht nicht bewusst. Es handelt sich nicht um eine Frage von Willenskraft.



Warum „sich einfach aufzuraffen“ oft nicht funktioniert


Menschen mit Depression bekommen nicht selten gut gemeinte Ratschläge:

„Geh doch einfach wieder mehr unter Leute.“„Mach Sport, dann geht es dir besser.“„Du musst auch versuchen, positiv zu denken.“


Das Problem ist: Bei einer Depression ist gerade die Fähigkeit, aktiv zu werden, häufig beeinträchtigt.


Was für einen gesunden Tag wie eine kleine Aufgabe erscheint, kann an einem depressiven Tag enorme Kraft kosten.


Deshalb geht es in der Behandlung nicht darum, plötzlich wieder genauso leistungsfähig zu sein wie früher.


Vielmehr werden Veränderungen häufig in kleinen, realistischen Schritten aufgebaut.

Nicht erst auf Motivation warten – sondern wieder beginnen, kleine Handlungsspielräume zu schaffen.



Verhalten beeinflusst Stimmung


Ein zentraler Bestandteil der Verhaltenstherapie ist deshalb die sogenannte Verhaltensaktivierung.

Dabei wird gemeinsam untersucht:


  • Was ist in Ihrem Alltag aktuell weggefallen?

  • Welche Aktivitäten geben Ihnen normalerweise Energie oder Sinn?

  • Was vermeiden Sie inzwischen?

  • Welche Aufgaben erscheinen Ihnen zu groß?

  • Welche kleinen Schritte wären trotz der aktuellen Belastung möglich?


Dabei geht es nicht darum, möglichst viele Termine in den Kalender zu schreiben.

Es geht um gezielte Aktivitäten, die entweder angenehm, persönlich bedeutsam oder notwendig sind.


Das kann zunächst etwas sehr Einfaches sein: einen kurzen Spaziergang machen, regelmäßig aufzustehen, eine Mahlzeit zuzubereiten, wieder Kontakt zu einer vertrauten Person aufzunehmen oder eine liegengebliebene Aufgabe in einen kleinen ersten Schritt zu zerlegen.


Der entscheidende Punkt ist:


Handlung muss nicht immer auf Motivation warten. Manchmal entsteht Motivation erst wieder durch Handlung.



Depression verändert auch den Blick auf sich selbst


Eine Depression betrifft nicht nur das Verhalten. Häufig verändert sich auch die Art, wie Menschen über sich selbst, andere und ihre Zukunft denken.


Gedanken können beispielsweise lauten:


„Ich bin eine Belastung.“„Ich mache alles falsch.“„Andere bekommen ihr Leben auch hin.“„Es wird sowieso nicht besser.“


Solche Gedanken können sich sehr überzeugend anfühlen – gerade weil sie zu dem aktuellen emotionalen Zustand passen.


In der kognitiven Verhaltenstherapie geht es deshalb nicht darum, negative Gedanken einfach durch positive Aussagen zu ersetzen.


Vielmehr wird untersucht:


Wie realistisch und hilfreich ist dieser Gedanke? Welche Belege sprechen dafür – und welche dagegen? Gibt es eine andere Sichtweise, die der Situation besser gerecht wird?


Dadurch können sich mit der Zeit neue Perspektiven entwickeln.



Warum Depression nicht einfach eine Frage der Einstellung ist


Eine Depression lässt sich nicht auf eine einzelne Ursache zurückführen.

Biologische, psychologische und soziale Faktoren können zusammenwirken. Dazu können beispielsweise genetische Vulnerabilität, belastende Lebensereignisse, chronischer Stress, zwischenmenschliche Schwierigkeiten oder bestimmte erlernte Denk- und Verhaltensmuster gehören.

Deshalb gibt es auch nicht die eine Ursache und entsprechend nicht die eine Lösung.

Eine Depression ist keine persönliche Schwäche und kein Zeichen dafür, dass jemand nicht dankbar genug ist oder sich nicht ausreichend bemüht.

Gleichzeitig bedeutet eine Depression auch nicht, dass man ihr hilflos ausgeliefert ist.



Was hilft bei einer Depression?


Depressionen sind gut behandelbar. Welche Behandlung sinnvoll ist, hängt unter anderem von der Schwere der Erkrankung, der bisherigen Krankheitsgeschichte und den individuellen Umständen ab.

Die kognitive Verhaltenstherapie gehört zu den gut untersuchten psychotherapeutischen Verfahren zur Behandlung depressiver Erkrankungen.


In der Therapie kann es beispielsweise darum gehen,


  • depressive Verhaltensmuster zu erkennen und zu verändern,

  • wieder mehr Aktivität und Struktur in den Alltag zu bringen,

  • negative automatische Gedanken zu überprüfen,

  • Selbstwertprobleme zu bearbeiten,

  • mit belastenden Situationen anders umzugehen,

  • zwischenmenschliche Schwierigkeiten zu verändern,

  • und Strategien zu entwickeln, um Rückfällen vorzubeugen.


Dabei geht es nicht darum, alles auf einmal zu verändern.

Gerade bei Depression ist es häufig sinnvoll, kleine und machbare Schritte zu planen und Fortschritte nicht ausschließlich daran zu messen, wie man sich unmittelbar danach fühlt.



Wann ist es sinnvoll, sich Hilfe zu holen?


Sie müssen nicht erst vollkommen erschöpft sein, bevor eine Psychotherapie sinnvoll ist.

Ein Gespräch kann insbesondere dann hilfreich sein, wenn Sie über längere Zeit feststellen, dass


  • Sie kaum noch Freude oder Interesse empfinden,

  • Sie sich zunehmend zurückziehen,

  • alltägliche Aufgaben immer schwerer fallen,

  • Sie sich ständig erschöpft fühlen,

  • Schlaf oder Appetit deutlich verändert sind,

  • Sie sich häufig wertlos oder schuldig fühlen,

  • Konzentration und Entscheidungen zunehmend schwerfallen,

  • Sie keine Perspektive oder Hoffnung mehr sehen,

  • oder Ihr Alltag deutlich eingeschränkt ist.


Auch wenn Sie selbst unsicher sind, ob es sich tatsächlich um eine Depression handelt, kann eine professionelle Einschätzung hilfreich sein.



Wenn selbst kleine Schritte wieder schwerfallen


Eine Depression kann den Eindruck vermitteln, dass sich grundsätzlich nichts mehr verändern lässt.

Vielleicht fehlt die Energie. Vielleicht fehlt die Hoffnung. Vielleicht haben Sie bereits mehrfach versucht, etwas zu verändern, und sind wieder in alte Muster zurückgefallen.

Gerade dann kann es hilfreich sein, die Situation nicht allein bewältigen zu müssen.


Psychotherapie bedeutet nicht, dass Sie von Anfang an wissen müssen, was Sie verändern wollen. Ein Teil der therapeutischen Arbeit besteht darin, gemeinsam zu verstehen, was gerade passiert, wodurch die Beschwerden aufrechterhalten werden und wo sich erste Ansatzpunkte für Veränderung finden lassen.


Dabei darf Veränderung klein anfangen.

Ein erster Schritt muss nicht darin bestehen, das ganze Leben neu zu ordnen. Manchmal besteht er zunächst darin, überhaupt wieder einen kleinen Unterschied zwischen „Ich kann nicht“ und „Ich kann es heute vielleicht in einer etwas kleineren Form versuchen“ wahrzunehmen.



Depression ist behandelbar


Eine Depression kann sich sehr dauerhaft anfühlen. Besonders wenn man schon länger darunter leidet, entsteht leicht der Eindruck, die eigene Persönlichkeit habe sich verändert oder das Leben werde nie wieder so sein wie früher.


Doch depressive Symptome sind veränderbar.


Der Weg aus einer Depression verläuft dabei nicht immer geradlinig. Es kann bessere und schlechtere Tage geben. Entscheidend ist nicht, an jedem Tag gleich gut zu funktionieren, sondern Schritt für Schritt wieder mehr Handlungsspielraum zu gewinnen.


Sie müssen nicht erst wieder Hoffnung haben, um sich Hilfe zu holen. Manchmal entsteht Hoffnung erst dadurch, dass Veränderung wieder möglich wird.


Wenn Sie sich in den beschriebenen Beschwerden wiedererkennen und merken, dass Ihre Stimmung, Ihr Antrieb oder Ihre Lebensfreude über längere Zeit deutlich beeinträchtigt sind, kann ein psychotherapeutisches Erstgespräch ein sinnvoller erster Schritt sein.


Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle psychotherapeutische oder ärztliche Diagnostik und Behandlung. Bei akuten Suizidgedanken oder unmittelbarer Gefahr wenden Sie sich bitte umgehend an den Notruf, eine psychiatrische Notfallversorgung oder eine andere geeignete Krisenhilfe.

 
 
bottom of page